Mitgliederversammlung 2017 Bericht des 1. Vorsitzenden

 

Das Jahr 2016 war geprägt von zwei Gedenktagen, die die Welt veränderten:

 

  1. Am 26. April 1986 trat der bis dahin unvorstellbare Super-GAU ein. In Block 4 des Kraftwerks Tschernobyl kam es zu einer vollständigen Kernschmelze. Durch die daraus folgenden Explosionen wurde radioaktives Material in die Luft gestoßen und vom Wind vor allem nach Norden sowie Westen transportiert und regnete ab. Deshalb wurden Gebiete in der nördlichen Ukraine, in Weissrussland und im Westen Russlands vom radioaktiven Fallout am stärksten betroffen.

30 Jahre nach Tschernobyl kann man heute von einer fast vergessenen Katastrophe sprechen.

 

  1. Im Jahre 1991 löste sich die UdSSR auf. Die ehemaligen Mitgliedsstaaten wurden selbstständige Republiken und so erklärte am 28. August 1991 auch die Ukraine ihre staatliche Unabhängigkeit.

 

Für unseren Verein war es ein ereignisreiches Jahr:

So wurde S.O.S.´86 - Kinder von Tschernobyl e.V. nach Kiew zu den 30-jährigen Gedenkfeierlichkeiten eingeladen. Diese fanden in dem von uns betreuten Stadtbezirk in Kiew statt. Ich habe im April an den Feierlichkeiten teilgenommen und hatte die Gelegenheit, vor mehr als 1.000 Teilnehmern am Ehrenmal im Park vor dem Bezirksrathaus über unsere langjährigen Hilfsmaßnahmen berichten zu dürfen.

Für die Schüler und Schülerinnen war der Wettbewerb "Rettet unseren Planeten" ausgeschrieben. Hier wurden die besten Zeichnungen jahrgangsweise im Theater des Bezirksrathauses prämiert und die Preise von der stv. Bezirksbürgermeisterin und mir an die Preisträger übergeben. 

Ein emotionaler Abend fand dann in den Räumlichkeiten unserer Partnerorganisation statt. Hier hatte ich Gelegenheit, mit sechzig Ukrainern zu reden, die in Pripjat, der Kraftwerkerstadt neben dem Kraftwerk, die Reaktorkatastrophe miterlebt hatten und anschliessend ihre Wohnungen verlassen mussten und nach Kiew evakuiert wurden. Es wurde ein alter Film aus Pripjat vor der Katastrophe gezeigt, in dem sich so mancher selbst oder seine damalige Wohnung vor über dreissig Jahren wiedererkannt hat. Auch jetzt noch flossen viele Tränen und gemeinsam gesungene schwermütige Lieder erklangen.

 

Im Jahre 2016 nahm unser Verein an einem Förderprogramm des Auswärtigen Amtes teil. Auch in diesem Jahr warf die deutsche Kultur- und Bildungspolitik ein besonderes Augenmerk auf Osteuropa, denn mit dem Ukrainekonflikt ist der Krieg nach Europa zurückgekehrt. Unsere Bundesregierung reagierte und reagiert hierauf mit politischen Instrumenten, aber auch mit den Mitteln der auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik, denn politische Verständigung und Krisenvorbeugung gelingt nur, wenn kulturelle Arbeit im vorpolitischen Raum vorab den Boden dafür bereitet hat. So setzt unsere Regierung darauf, dass neben der vom Staat gestalteten Außenpolitik die Einbindung der Zivilgesellschaften im In- und Ausland für außenpolitische Dialog-, Entscheidungs- und Handlungsprozesse immer wichtiger wird. Das bedeutet, dass Organisationen der Zivilgesellschaften, wie z.B. unser Verein, und die in den Organisationen engagierten Bürger und Bürgerinnen zentrale Akteure und wichtige Partner für staatliches Handeln werden.

 

Bereits im Spätjahr 2015 hatte ich mir Gedanken gemacht, wie "S.O.S.´86 -  Kinder von Tschernobyl e.V." sich an dem Projekt "Ausbau der Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft in den Ländern der östlichen Partnerschaft und Russland" beteiligen kann. Mir schwebte ein Projekt vor, in dem durch den Dialog mit den Bürgern der Ukraine Vorurteile abgebaut werden können. Als Zielgruppen habe ich die junge, aber auch die ältere Generation gesehen, und so entstand ein zweiteiliges Projekt:

  1. Gründung eines "Deutschen Zentrums" im Bezirk Kiew-Desnyanski,

dem Bezirk, in dem wir seit 1992 Familien unterstützen, die von der Tschernobyl-Katastrophe betroffen sind. Für die Dauer der Projektphase wurden Räumlichkeiten (Schulungsraum und Büro) angemietet, Deutschunterricht für Jugendliche angeboten und Veranstaltungen mit Ukrainern durchgeführt.

     2. Dialogveranstalungsreihe mit Studenten und Professoren

Es wurde eine Dialogveranstaltungsreihe mit Studenten und Professoren der größten ukrainischen Universität ins Leben gerufen und in drei Veranstaltungen mit über 120 Studenten über Demokratie und Wirtschaft, Mittelstand und Chancen auf dem Arbeitsmarkt usw. intensiv diskutiert. Im Vorfeld hatte ich unser Projekt dem Dekan der Universität vorgestellt, der sehr aufgeschlossen und dankbar dem Projekt zustimmte. Als Moderator konnte ich unseren Ehrenvorsitzenden Harald Christ gewinnen, Co-Moderator war ich.

Die Resonanz für beide Projektteile war sehr positiv. Leider war der Projektzeitraum vom 1. April 2017 bis zum 31. Dezember 2017 m.E. viel zu kurz bemessen und einer von mir beantragten Verlängerung wurde vom Auswärtigen Amt nicht zugestimmt.

Leider werden diese Projekte nicht zu 100 % gefördert. So waren als Eigenmittel des Vereines 5.690,00 EUR eingeplant. Durch Spenden unseres Ehrenvorsitzenden Harald Christ in Höhe von 2.942,85 EUR und mir in Höhe von 1.080,00 EUR konnte dann der Eigenanteil des Vereines auf 1.667,15 EUR gesenkt werden.

 

Im Jahre 2016 wurden wiederum zwei Informationsfahrten nach Kiew durchgeführt. Diese Fahrten sind wichtig, um den engen Kontakt zu unserer Partnerorganisation "Invaliden von Tschernobyl - Landsleute (Zemlyaki)" und den ukrainischen Behörden aufrecht zu erhalten und um die ordnungsgemäße Verwendung der an die Partnerorganisation gespendeten Finanzmittel zu überprüfen.

Leider hat aber das Interesse an diesen Fahrten nachgelassen, so dass in den letzten Jahren immer nur eine kleine Gruppe eine Woche in Kiew verbracht hat.

Wie bereits in meinem Jahresbericht 2015 aufgeführt, werden die an unsere Partnerorganisation gespendeten Gelder verwendet für:

  • Medikamente für schwerkranke Kinder und Erwachsene;
  • Unterstützung von Dialysepatienten;
  • Kindererholungsmaßnahmen in der Ukraine für schwerkranke Kinder;
  • Finanzielle Unterstützung einer Rehabilitationseinrichtung für schwerbehinderte Jugendliche in Kiew-Desnyanski;
  • Durchführung von Kinderfesten;
  • Unterstützung der Partnerorganisation

 

Auch eine Kindererholungsmaßnahme in Deutschland wurde in 2016 wieder durchgeführt. Auch für diese Aktivität unseres Vereines finden sich leider immer weniger Gasteltern, so dass wir seit 2013 dazu übergegangen sind, auch 14-tägige Erholungsmaßnahmen in der Ukraine zu unterstützen. Diese Maßnahmen sind gedacht für behinderte Kinder, die nur in Begleitung von Betreuern zur Erholung geschickt werden können.

In 2016 haben wir vier Kindern und in 2017 zehn Kindern einen Erholungsurlaub finanziert.

 

Wie bereits erwähnt, feierte die Ukraine im Jahre 2016 ihre staatliche Unabhängigkeit. Zur Feier des 25. Jahrestages der Unabhängigkeit hatte die Generalkonsulin der Ukraine, Frau Alla Polyova, am 19.09.2016 nach Frankfurt eingeladen. In einem längeren persönlichen Gespräch bat mich die Generalkonsulin, Vorstand, Mitgliedern und Freunden unseres Vereines ihren Dank zu übermitteln für die vom Verein jahrzehntelang getätigte Hilfe für bedürftige Bürger der Ukraine.

 

Ende 2016 starb überraschend Markus Heck, der seit über 15 Jahren unsere Internetseite bearbeitete. Ich war sehr froh, dass er dieses mit großer Energie selbstständig tat, sich um den Provider kümmerte und mir Verbesserungsvorschläge unterbreitete. Leider kündigte sein Stiefvater - ohne uns zu verständigen - den Vertrag mit dem Provider, was dazu führte, dass unsere Internetseite gelöscht wurde. Bis ich recherchiert hatte, wie es zu der Kündigung kam und wer als Provider tätig war, waren vier Wochen vergangen und unsere Internetseite und deren Inhalte unwiederbringlich verloren. Aus diesem Grunde wurde es notwendig, eine neue Internetseite zu erarbeiten. Mit dieser Arbeit beschäftige ich mich zurzeit, und das ist für einen Laien nicht so einfach. Aus diesem Grunde bitte ich Sie noch um etwas Geduld, bis alle Inhalte wieder erstellt sind.

 

Leider konnte die Horst und Eva-Engelhardt-Stiftung aus Mannheim auch im Jahre 2016 keine Spenden ausschütten, die unser Verein zur Fortführung seiner Tätigkeit dringend benötigt. Ich hoffe aber, dass wir im Jahre 2017 wieder mit einer finanziellen Unterstützung rechnen können.

 

Nun noch einige aktuelle Informationen zur Ukraine:

In der Ukraine leben zurzeit 42,4 Mio. Bürger, im Jahr 1991 waren es 48,5 Mio. Die normalen ukrainischen Durchschnittslöhne sind den Angaben des ukrainischen Statistikamtes zufolge im Juni 2017 im Vergleich zum Vorjahresmonat um 2.023 auf 7.360 Hrywna gestiegen. Umgerechnet in Euro verdienten die Ukrainer damit durchschnittlich mit 248 Euro etwa 54 Euro mehr als vor einem Jahr. Nach Abzug der Einkommensteuer von 18 % und der Kriegsabgabe von 1,5 % verbleiben netto im Schnitt 200 Euro.

Regional betrachtet haben die Einwohner der Hauptstadt Kiew die höchsten Einkommen mit fast 374 Euro. Armenhaus ist der Statistik zufolge das agrarisch geprägte zentralukrainische Gebiet Kirowograd mit etwas weniger als 200 Euro. Nach Abzug der Steuern verbleiben damit etwa 87 Euro zum Leben.

Branchenbezogen wurden die höchsten Gehälter im Luftfahrtbereich mit durchschnittlich 1.038 Euro erzielt. Finanz- und Versicherungstätigkeiten bringen im Schnitt etwa 417 Euro ein, Industriejobs liegen mit 257 Euro leicht über dem Durchschnitt. Bildungstätigkeiten wurden unterdurchschnittlich mit 241 Euro entlohnt. Die Arbeit im Gesundheits- und Sozialbereich wird noch schlechter mit 179 Euro bezahlt.

Im Juli stieg die Inflationsrate auf 19,5 %. Das Umtauschverhältnis der ukrainischen Währung Hrywna zum Euro entwickelte sich wie folgt:

Bei der Einführung der Hrywna 1 : 1. Am 22.12.2014 entsprach 1 Euro gleich 19,41 Hrywna, am 12.08.2017 war dann 1 Euro gleich 30,21 Hrywna wert.

Rechnet man zu den Lebenshaltungskosten, dass es keine Krankenversicherung in der Ukraine gibt und die angeblich "freie Gesundheitsversorgung" doch nicht existiert und erhebliche Kosten im Krankheitsfall anfallen, so können viele Ukrainer nicht einmal die Mietkosten aufbringen. Und wie kann so etwas funktionieren ohne Korruption?

Wie ist es z.B. zu verstehen, dass im Frühjahr 2017 zwei bekannte ukrainische Politiker vor laufenden Fernsehkameras verhaftet und schon bald wieder freigelassen wurden. Roman Nassirow, ehemaliger Leiter der ukrainischen Finanzverwaltung gegen eine Kaution von 100 Millionen Hrywna (ca. 3,1 Millionen Euro), die weit unter der vom Staatsanwalt geforderten Summe lag und Mykola Martynenko, ehemaliger Abgeordneter der Werchowna Rada, sogar ohne Kaution. Und wie kann ein öffentlicher Bediensteter mit seinem Einkommen solch eine Kaution bezahlen? Im Jahre 2015 erschien eine wissenschaftliche Untersuchung der politischen Systeme Osteuropas, des Südkaukasus und Zentralasiens. Diese stellt eine neue Theorie postsowjetischer Politik vor, die sich mit solchen Vorgängen befasst und nennt es die "Patronale Politik".

Hierin wird insbesondere die Rolle und Funktionsweise der Präsidialsysteme und der Einfluss der Oligarchen. (Unter Oligarchen versteht man Wirtschaftsführer, die durch ihren Reichtum über ein Land oder eine Region weitgehende Macht zu ihren alleinigen Vorteilen ausüben.) Als entscheidenden Grundzug der postsowjetischen Systeme werden klientelistische Patronagebeziehungen und klanähnliche Netzwerke und deren Rentenabschöpfung genannt. (Patronage ist die gezielte Förderung von Menschen durch Personen mit entsprechenden wirtschaftlichen oder politischen Möglichkeiten. Eine solche Person wird in diesem Zusammenhang als Patron bezeichnet, die davon profitierende Person als Klient). In diesem "Patronalismus" wird Macht durch den Aufbau und Wettbewerb von informellen, mal verbundenen, mal konkurrierenden Patronagepyramiden angesammelt, gesichert und ausgeübt. Üblicherweise infiltrieren solche Korruptionsnetzwerke ein weites Spektrum von gesellschaftlich relevanten Institutionen, angefangen von Ministerien, Behörden und Parteien bis hin zu Unternehmen, Massenmedien und zivilgesellschaftlichen Organisationen. Innerhalb dieser pyramideförmigen Netzwerke tauschen deren Mitglieder Posten, Geld, Aufträge, Immobilien, Waren, Dienstleistungen, Lizenzen, Drittmittel und Vergünstigungen aus. Diese Pyramidennetzwerke sind wie ein Schneeballsystem und untergraben den gesamten Staat. Somit bestimmt nicht die Politik sondern die Patrone. Aus diesem Grunde wird es fast unmöglich sein, der Korruption Herr zu werden.

 

Zum Ende meiner Ausführungen möchte ich Dank sagen an die Josef-Hagedorn-Stiftung in Hamburg, an unsere Mitglieder, die uns treu geblieben sind und nicht zuletzt an meine Mitstreiter im Vorstand für die vertrauensvolle Zusammenarbeit in den letzten Jahren. Ein weiterer Dank gilt allen, die unsere Arbeit unterstützt haben.

Lassen Sie uns weiter den bedürftigen Menschen in der Ukraine helfen und einen kleinen Beitrag am Bau eines gemeinsamen europäischen Hauses leisten!

 

Das war in Kurzfassung mein Jahresbericht. Ich wünsche der Mitgliederversammlung einen guten Verlauf.

 

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

 

Rolf Konersmann

  1. Vorsitzender