Tschernobyl

TAGE, DIE DIE WELT VERÄNDERTEN

 

26. APRIL 1986

 

Der Super-GAU von Tschernobyl

 

Die Nachricht sickerte nur langsam durch. Aus Schweden meldete ein wissenschaftliches Institut verstärkte radioaktive Strahlung, für die man keine Erklärung hatte. Nur die Richtung, aus der sie kommen sollte, konnte man einigermaßen lokalisieren: Sie kam aus dem Südosten, also aus Richtung der damaligen Sowjetunion. Doch die dortige Regierung stellte sich -wie so oft- dumm und wollte von nichts wissen und vor allem war sie auch nicht bereit, weiter zu helfen. Da die Messungen immer präziser wurden und alarmierende Ausmaße annahmen, konnte eine Informationssperre auch nicht mehr aufrecht erhalten werden.

Das Atomzeitalter erlitt in seiner kurzen Geschichte am 26. April 1986 den ersten Super-GAU. In der Nähe von Tschernobyl, einer kleinen ukrainischen Stadt mit 12.000 Einwohnern war es in einem der vier Blocks des Lenin- Atomkraftwerkes zur Kernschmelze gekommen und giftige Strahlung freigesetzt worden. In dem schlecht gearteten Werk versagten sämtliche Kontrollmechanismen und alle Rettungsversuche erstickten in Hilflosigkeit. Dadurch wurde ein ganzer Landstrich verseucht, zahllose Opfer sind seitdem zu beklagen und die Folgen - insbesondere in Weißrussland und der Ukraine - bis heute noch zu spüren.

Am 26. April 2018 jährte sich zum zweiunddreißigsten Mal der Tag, an dem die Welt, die eine friedliche Kernkraftnutzung als Segen ansah, eine andere geworden war. Immer wieder hatten sich kleinere Zwischenfälle in den Nuklearanlagen in vielen Ländern ereignet, doch mit dem "größten anzunehmenden Unfall" (GAU) hatte in Wirklichkeit keiner der Experten gerechnet: An diesem Tag explodierte der Reaktor im Lenin-Kraftwerk in der Nähe der Kraftwerkerstadt Pripjat im sowjetischen Bezirk Tschernobyl.

Das Werk war das Vorzeigeobjekt des sowjetischen Atomprogramms und sollte mit vier Reaktoren das größte der Welt werden. Doch bereits beim Bau wurden erhebliche Fehler gemacht. Da es unter enormen Zeitdruck gebaut wurde, entschied man sich für das gefahrenträchtigere und wenig erprobte Modell eines Reaktors. Ein Testlauf, der noch vor der Inbetriebnahme hätte stattfinden sollen, wurde später nachgeholt. Er fand in der Nacht zum 26.04.1986 statt. Da das Experiment kurzfristig von der Tagschicht auf die Nachtschicht verschoben wurde, konnten die Mitarbeiter nicht entsprechend geschult werden. Als der Ablauf des Tests nicht mehr beherrscht werden konnte, geriet der Reaktor innerhalb von Sekunden außer Kontrolle - der Reaktorkern in Block vier schmolz. Nach der Explosion entwickelte sich eine enorme Hitze, der Graphitbrand beförderte zig Tonnen von radioaktivem Material in die Luft, das dann durch die ungünstigen Winde über ganz Nordeuropa verteilt wurde.

Es hatte schon früher Warnungen gegeben. Schon 1957 hatte sich in der Atomanlage des britischen Windscale der Urankern entzündet und eine radioaktive Wolke über die umliegenden Dörfer verteilt. 1979 war der Reaktorkern  des Atomkraftwerkes Three Mile Island in Pennsylvania/USA geschmolzen. Dort war man dem GAU schon ganz nahe gekommen, nur der dicke Betonmantel des Kraftwerks hatte eine schlimmere Katastrophe verhindern können.

Doch die Euphorie über die neue Art der Stromversorgung blendete viele Politiker. So versprach man sich in Zeiten der knapper werdenden Resourcen bei Öl- und Gasquellen unendliche Mengen an Energie, die dazu sogar noch billiger herzustellen war. Die Gefahr eines Unfalls, der eine Katastrophe nach sich zieht, stufte man als gering ein.

Die Meinungen über die Atomkraft sind bis heute gespalten. Nach der letzten Katastrophe in Fukushima/Japan im März 2011 waren die Argumente der Gegner so groß, dass sich die Bundesregierung nach vorweg langwierigen Diskussionen und Auseinandersetzungen zum kurzfristigen Atomausstieg in Deutschland entschloss. Maßgeblich bei dieser Entscheidung war vor allem die bis heute ungelöste Frage der Endlagerung des radioaktiv belasteten Restmaterials.

Albert Einstein, durch dessen geniale Fähigkeiten als Wissenschaftler die friedliche Nutzung der Atomkraft in Kernreaktoren überhaupt erst möglich geworden war, warnte früh vor den Folgen. Er wusste, dass die Kraft, die im Atom steckt, von Menschenhand nicht in allen Ausmaßen kontrollierbar ist:

"Die entfesselte Kraft des Atoms hat alles verändert, nur nicht unsere Denkgewohnheit, und folglich treiben wir einer beispiellosen Katastrophe entgegen. Wir werden eine im Wesentlichen neue Denkart brauchen, wenn die Menscheit überleben soll."